Momentaufnahme: Sturmfreier Dirigent
13. September 2009 von Donna
Nur das erste Mal war es gewöhnungsbedürftig, danach wussten wir ja, was uns erwartete. Es war seine ganz besondere Art, die sturmfreie Bude zu nutzen. Er lud uns ein, immer zum späten Nachmittag, ein erlesener Kreis, der nach und nach immer kleiner wurde, weil kaum jemand seine Veranstaltungen aushielt.
Jedesmal öffnete er die Tür, er war im Frack, bat uns ins Wohnzimmer, wo in angenehmer Lautstärke klassische Musik zu vernehmen war. Der Tisch war formvollendet gedeckt, es gab Kaffee und Schwarzwälderkirschtorte, die er im Café bestellt hatte. Danach ein Glas Champagner, das musste sein. Er war ein aufmerksamer Gastgeber, der aber auch höchste Ansprüche an uns als Gäste stellte.
Er zog sich dann eine knappe Viertelstunde zurück, um sich zu sammeln, kam wieder mit seinem Taktstock in der Hand, mit dem er dann mehrmals auf den Tisch schlug. Dann sahen wir nur noch seinen Rücken. Der Notenständer wurde gerückt, die Noten zurechtgelegt. Eine Schallplatte wurde aufgelegt, die Lautstärke aufgedreht und er, der Dirigent, begann, sein Orchester zu leiten und zu führen - nur Bestleistung von sich und den Musikern konnte er akzeptieren. Er glitt hingebungsvoll in eine andere Welt. Schweißtreibend war seine Arbeit, aber er ging ganz darin auf.
Mehr als die Spieldauer einer LP-Seite hielt er nicht durch, wir aber auch nicht. Hatte sich der Tonarm wieder in seine Ruhestellung begeben, wartete er auf unseren Applaus. Er verneigte sich vor uns, dem Publikum, drehte sich zu seinem imaginären Orchester um, nickte anerkennend, legte den Taktstock zur Seite und tupfte mit einem großen, blütenweißen Taschentuch den Schweiß von der Stirn.
“Perfekt!”, sagte er und schaute uns erwartungsvoll an. “Nun, wie war ich?”
Wie er war? Das konnten wir gar nicht richtig beurteilen. Er war unser Klassenkamerad, aber so ganz anders als wir mit unseren siebzehn Jahren. Wir kannten sturmfreie Buden - mit Feten, tanzen, Lambrusco, Spaghetti kochen, knutschen, rumhängen, heißen Diskussionen… Aber so etwas?
17 Reaktionen zu “Momentaufnahme: Sturmfreier Dirigent”

Echt wahr? Krass! Mutig! Was wohl aus deinem Kameraden geworden ist?
Ja, echt wahr! Ich war dabei.
Habe, nachdem die kleine Geschichte fertig war, gegoogelt, aber nichts gefunden. Vielleicht hat er einen Künstlernamen - wer weiß?
LG - Donna
Eine tolle Geschichte! Aus dem ist sicher etwas ganz Spezielles geworden…
(Ist doch gut, wenn nicht alle der Norm entsprechen. Andere gibt es ja genug.)
Liebe Sonntagsgrüsse
Brigitte
So, das ließ mir jetzt aber keine Ruhe!!!!
Ich habe ihn gefunden! Es gibt einen Wikipedia-Eintrag: Er ist Musikdramaturg und -publizist geworden, arbeitet seit einigen Jahren als Chefdramaturg an einem der bedeutendsten deutschen Opernhäuser.
Und nun muss ich das aber schnell meinen Schulfreunden von damals mailen. Wir haben uns oft gefragt, was aus ihm geworden ist….
Zuerst findet man es ein bisschen sonderlich, aber dann: warum soll jemand nicht er selber sein und sehr individualistisch und aus der Norm fallen?! Wo kämen wir hin, wenn alle gleich wären. Ich habe mich natürlicha uch gefragt, ob er denn vielleicht tatsächlich Dirigent geworden ist und ich finde es toll, dass du ihn gefunden hast und dass er tatsächlich was mit Musik macht.
mich interessiert, unter welchen umständen, warum dir diese geschichte, die du selbst so erlebt hast, eingefallen ist?
oder hast du öfter an den gedacht?
gruß von sonia
@Wildgans
Die Umstände - ganz einfach: Ein Treffen mit zwei ehemaligen SchulfreundInnen. Die Designerin (Küchenlampe) habe ich euch schon vorgestellt. Wie ich meinen Schulfreund Tom in Australien (Geologe) wiederfand, das ist eine weitere Geschichte wert.
Wir hatten einen recht vergnüglichen langen Abend mit vielen Rückblicken. Immer wieder die Fragen: Hast du von dem noch einmal etwas gehört? Weißt du, was die jetzt macht?…
Also, viele Erinnerungen kamen wieder hoch, so auch die an unseren “Dirigenten”.
Christiane werde ich in 14 Tagen anlässlich ihrer House-Warming-Party wiedersehen. Tom wird erst im Dezember wieder nach Deutschland kommen. Und vielleicht ist dann sogar “Blümi” mit dabei, der Meeresbiologe geworden ist…
Sonia, vielleicht ist es das Alter, das uns jetzt wieder zusammenrücken lässt… und die Vertrautheit war auch sofort wieder da.
LG - Donna
Diese Situation war sicherlich für alle ein wenig fremd und ich frage mich oft, wie das für Jugendliche sein muss, die eben gerade in diesem Alter eher Interessen verfolgen, die sie nicht mit der Mehrheit ihrer Altersgenossen teilen können. Da scheint mir der Lösungsversuch Deines ehemaligen Schulkameraden gar nicht der schlechteste…
LG
Anguane
Das ist ja eine tolle Geschichte,
er hat seinen Weg gefunden *lächel*
Du hattest ja interessante Klassenkamerad.
z.B. Schulfreund in Australien (Geologe)..
Liebe Grüsse,Elke
genau, Donna, das ist es, glaube ich- zumal ich z.zt. auch versuche, verschiedene menschen aus der schulzeit wieder zu finden…
gruß von sonia
So einen kannte ich auch nicht. Dafür kannte ich: Lambrusco, Spaghetti mit Tomatensoße, Zigaretten rauchen im Café “Schlauch” (weil es so lang und schmal war), Knutschen in der Disco, Fummeleien in alten Autos, neue Männergerüche, erste Räusche … ach, manchmal ist es doch gut, dass DIESE Zeiten vorbei sind. Andererseits auch wieder schade …
@Wildgans
Sonia, es ist so überaus lohnenswert, all diese Menschen wiederzusehen und mit ihnen zu reden, sich die ganze Nacht um die Ohren zu schlagen….
Ich wünsche dir ganz viel Erfolg beim Aufspüren und Finden.
@Renate
Oh ja, gequarzt haben wir auch wie die Schlote… Mein Gott, was für eine Zeit!!! Was für ein Leben, was für eine Lebendigkeit!!!! Vielleicht der Jugendrausch????
Renate, das Rheumadeckenzeitalter hat bei mir noch lange nicht angefangen!!!!! Solange man noch so viel Quatsch im Kopf hat, ist man noch nicht alt!
LG - Donna
Schön. Das ist einfach nur … schön!
LG
Elana
Die Geschichte … erstaunlich, wenn man schon als so junger Mensch sich getraut hat “anders” zu sein!
Die Kommentare … brachten mich mit riesigen Schritten zu einem, sagen wir mal, sehr durchwachsenen Thema für mich.
Für mich gab es da eher nicht ganz so viel erinnerungwertes…
Na egal, hast mich nachdenklich gemacht…LG, Petra
@Follygirl
Manchmal muss man etwas graben, um an das Erinnerungswerte zu kommen. Bestimmt gibt es da auch einiges bei dir…
Dein “durchwachsenes Thema” interessiert mich, werde gleich mal dein Blog aufsuchen.
LG - Donna
Das “durchwachsene” wirst Du da nicht finden.
Als positiver Mensch, mit einem ebensolchen Blog, …nein..das geht nicht zusammen.
LG, Petra
@Petra/Follygirl
Es gibt eben auch die privaten Dinge, die man nicht im Blog schreibt. Ich hoffe, sie beuteln dich nicht zu arg!!
Herzliche Grüße - Donna