Beitrag von Donna zum Schreibprojekt im November 2009
14. November 2009 von Donna
Flammendes Herz
Kalte Novemberluft schlug ihr entgegen, als sie das Bürogebäude verließ. Unwillkürlich zog sie den Kopf ein und schlang den Schal um ihren Hals. Auf dem Weg zur U-Bahn-Station lief sie schneller als sonst, so als ob sie diesen fürchterlichen Tag abschütteln wollte. Doch er verfolgte sie live und in Farbe. In ihrem Inneren überschlugen sich die Bilder, als sie endlich einen Sitzplatz ergattert hatte und sie ganz still dasaß. Sie schloss die Augen. Wie hatte es nur zu dieser Peinlichkeit kommen können? Sie hatte sich blamiert bis auf die Knochen…
Ja, sie hatte all die kleinen Zettel aufgehoben, die sie in unregelmäßigen Abständen in einer ihrer Schreibtischschubladen fand. Anonym und nicht handschriftlich. Mein Herz schlägt nur für dich… - Mein Herz eilt dir entgegen… - Mein Herz in Liebe zu dir… Zugegeben, es hatte ihr sehr geschmeichelt, die Jüngste war sie nicht mehr. Aufmerksam beobachtete sie ihre Kollegen, um irgendwelche Anhaltspunkte zu bekommen. Wer schrieb diese Zettel? Ein Scherz vielleicht? Oder war sie gar nicht gemeint? Wer konnte unbemerkt diese Botschaften dort hinterlassen? Wer wählte diesen Weg? Wer traute sich nicht, sich persönlich zu offenbaren? Wer?
Mein flammendes Herz eilt dir entgegen und begleitet dich Tag und Nacht… Diesen Zettel hatte sie gestern Abend in ihrer Manteltasche gefunden. Nun gut, sie wusste nun, dass wirklich sie gemeint war. Und sie grübelte und grübelte, zog sogar den Seniorchef als heimlich Verliebten in Erwägung, was ihr nicht unangenehm war, da sie ihn nicht nur schätzte, sondern ihm uneingeschränkte Sympathie entgegenbrachte. Der Seniorchef also? Der Alte? So nannten ihn die Angestellten, wenn sie unter sich waren. Immer wieder verwarf sie den Gedanken, blieb dann aber beim Einschlafen doch daran hängen, weil ihr Verstand niemanden in der Belegschaft fand, der altersmäßig zu ihr passen konnte und ihr Herz sich auf einmal sehr gut vorstellen konnte, diesen Menschen zu lieben.
Sorgfältiger als sonst kleidete sie sich am Morgen und gab sich viel Mühe mit dem dezenten Make-up. Mein flammendes Herz… Sie betrat mit beschwingtem Schritt das Vorzimmer, öffnete erwartungsvoll die unterste Schublade ihres Schreibtisches und war enttäuscht. Keine Liebesbotschaft, nun gut. Der Vormittag plätscherte dahin so mit diesem und jenem, keine besonderen Vorkommnisse - bis zu dem Augenblick, als der Alte in elegantem Mantel und Hut die Tür öffnete - mit einem riesigen Blumenstrauß in der Hand - sie freundlich anlächelte - und sie - Mein flammendes Herz eilt… - ihm entgegenstürzte - er ihre stürmische Umarmung so gerade eben noch abwehren konnte und mit den von ihr gesprochenen Wortfetzen “Sie? Also doch Sie?” nichts anfangen konnte.
Ihre Blicke trafen sich für Bruchteile von Sekunden, während sie schnell für den gebührenden Abstand zwischen ihnen sorgte. Er räusperte sich und sagte sehr förmlich: ” Frau Weber, bitte stellen Sie die Blumen ins Wasser, ich benötige sie heute Abend. Vielen Dank.” Sie hatte nur stumm genickt und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Was hatte sie sich dabei nur gedacht?
Mein flammendes Herz eilt dir entgegen und begleitet dich Tag und Nacht - sie würde vorsichtiger sein bei dem nächsten Verdacht.
15 Reaktionen zu “Beitrag von Donna zum Schreibprojekt im November 2009”
O Gott - Albtraum, sag ich nur. Weißt du was mich an deiner Geschichte jetzt ganz narrisch macht? … Dass ich nicht weiß, wer ihr nun die Zettelchen geschrieben hat. Aber die Geschichte gefällt mir und gut nachzuvollziehen ist sie für mich auch.
Lieben Gruß
Elke
Liebe Donna
eine tolle Geschichte, ich musste schmunzeln, sowas passiert, kann passieren.
Peinlichkeiten passieren doch allen, meist kann man nach einigen Tagen darüber lachen.
Ich wünsche dir ein schönes Wochenende
Liebe Grüsse
Brigitte
ps. Danke übrigens für die Mühe, die du dir mit diesem Projekt machst Ich hatte viel Spass beim schreiben, und jetzt beim lesen der verschiedenen Geschichten
Ach je, ich fühle mit der armen Frau, nicht weil ich es so peinlich finde, sondern weil sie nun doch ihr Glück nicht gefunden hat - und wir den Zettelschreiber nicht. Das schreit ja förmlich nach Fortsetzung. Tolle Idee von dir.
so einem Irrtum bin ich auch fast mal erlegen
köstlich erzählt
Eine spannend erzählte, amüsante Geschichte mit offenem Ende.
(Ein wenig sticht einen ja schon die Neugier, wie es denn weiter ging…)
Liebe Grüsse,
Brigitte
Oh jeeee, die Arme. Sie sehnt sich also nach Liebe. Und dann gibt es da den Zettelschreiber. Man kann nur hoffen, dass sich da nicht ein paar böse KollegInnen einen üblen Scherz erlauben.
Klasse Geschichte und ich vote auch für ne Fortsetzung.
Liebe Donna,
was für eine tolle Geschichte. Meinen “Vorrednern” kann ich da nur zustimmen. Eine Fortsetzung fände ich auch toll, würde ich doch gerne wissen, wer die Zettelchen geschrieben hat …
Liebe Grüße
Lilie
Ich danke euch allen!
Vielleicht ist der Zettelschreiber ja Manfred Willikonski aus der Buchhaltung, der seit zehn Jahren verwitwet ist und sich doch noch ein Herz fasst und Frau Weber zum Essen einlädt… Wer weiß?
Fakt ist, dass ich da zwei Begebenheiten miteinander verknüpft habe.
Folgen wir der Zettelgeschichte in der Realität, so würde Frau Weber eines Tages mit einer lesbischen Arbeitskollegin konfrontiert.
Ja, und die Blumenstrauß-Peinlichkeit ist meiner Tante vor vielen Jahren passiert, die darüber herzhaft lachen konnte.
Also, es gibt keine Fortsetzung - es sei denn, ihr denkt euch selbst eine aus…
Wie immer hat es mir riesigen Spaß gemacht, all eure Geschichten zu lesen.
Bis zum Dezember mit neuen Geschichten!
Herzlichst - Donna
Ja, Deine Geschicht ist schon ungewöhnlich… jetzt, wo ich lese, das es sogar etwas Wahres daran gibt…finde ich es noch besser.
Was die Menschen doch für Situationen erleben…
Freue mich auf den Dezember… vielleicht eine Woche früher…von wegen Weihnachtstreß?
LG, Petra
Liebe Donna -
eine amüsante Geschichte und dennoch mit einem kleinen ernsten Kern. Wie oft macht man sich Hoffnungen, die in die falsche Richtung führen. Das ist bestimmt schon so manch einem
passiert.
*Danke* auch für deine tollen Satzanfänge.
Ein knuddliges Wochenende - liebe Grüße
Yolanda
Liebe Donna,
wie geht’s weiter?
Bitte, bitte, liebe Donna, wie geht’s weiter?
So eine spannende Geschichte. Toll!
Und ich danke dir an dieser Stelle auch,
dass du die Initiative zu einem solchen Projekt ergriffen hast.
Herzliche Grüße und noch ein schönes Wochenende
Jorge D.R.
hallo donna,
perfekte geschichte, wie immer.
lg
ingrid
Auch ein Dankeschön an Follygirl, Yolanda und Waldviertelleben.
Und vielleicht mag Jorge die Geschichte weiterschreiben….
Einen guten Start in die Woche wünsche ich euch allen.
Herzlichst - Donna
sehr unterhaltsam und ich frage mich schon länger,
ob du eine professionelle
autorin bist?
@Wildgans
Danke, Sonia, für dein Lob. nein, ich bin keine professionelle Autorin - aber was nicht ist, kann ja noch werden….
LG - Donna