Beitrag von Donna zum Schreibprojekt im Dezember 2009
12. Dezember 2009 von Donna
DER PATCHWORK-OPA
Weihnachten stand vor der Tür und wieder hatte es diese endlosen Diskussionen gegeben…
…Diskussionen darüber, wer wann wo und mit wem die Weihnachtsfeiertage verbringen wollte - könnte - müsste.
Es war wirklich nicht einfach, aber es war ihr so unendlich wichtig, die Weihnachtsfeiertage mit Chris zu verbringen, dessen Töchter bei seiner Exfrau Kathy lebten. Ihr schwirrte der Kopf, wenn sie an all die Möglichkeiten dachte, die sich ergaben:
1. Chris am 24. und 25. mit den Kindern bei Kathy und ihrem neuen Partner.
2. Chris mit den Kindern am 24.bis 18.00 Uhr bei ihnen zu Hause, dann die Mädchen zu Kathy bringen und am Abend des 25. wieder abholen und mittags am 26. wieder zurückbringen.
3. Chris am 24. bei Kathy wie unter 1. - die Kinder morgens am 26. abholen, abends wieder hinbringen.
4. Chris und sie am 24. bei Kathy, 25. und 26. jeder für sich.
5. Kathy mit Kindern und Partner am 24.bei Chris und ihr…
Bei Punkt 4 und 5 konnte sie sich nur eine mittelschwere Katastrophe vorstellen. Sie ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Egal, dieser Frust war es wert, auch für sich allein eine Flasche Prosecco zu öffnen. Mmh, gar nicht mal so schlecht, dieser Problemlösungsbeschleuniger!
Macht doch eure ganzen Absprachen ohne mich! - Den Opa habt ihr alle noch gar nicht mit einbezogen in eure Überlegungen! - Es wird auf irgendeine vermurkste Regelung hinauslaufen, die keiner auch nur annähernd gut findet. - Man kann Kinder nicht so aufteilen und hin- und herschicken… - Am liebsten würde ich mich ausklinken - nur dieses eine Mal - wirklich, nächstes Jahr habe ich dann wieder die Kraft für dieses Hick-Hack.
Die Flasche war halb voll oder halb leer, als Chris nach Hause kam. Sie merkte sofort, dass er nicht gerade gut gelaunt war.
“Was ist los? Gab es Ärger im Geschäft?, begann sie das Gespräch.
“Nein, da ist alles in Ordnung, aber es gibt eine neue Variante zu unseren Weihnachtsüberlegungen - Kathy wird mit den Kindern über die Feiertage verreisen”, antwortete er.
“Ist doch super, dann bahnt sich ja vielleicht eine neue Regelung an, ein Jahr sind die Kinder bei ihr und im nächsten Jahr haben wir sie für uns!”, entfuhr es ihr prosecco-spontan. Als sie sein trauriges Gesicht sah, schob sie schnell hinterher: “Du, dann feiern wir mit den beiden Mädels Silvester - aber so richtig!!!”
“Ja, dann feiern wir mit ihnen Silvester…”, wiederholte er müde. “Und noch eins, den Opa, den müssen wir dann übernehmen, wenn sie verreist sind.”
Jetzt war das Maß aber voll!!!
“Sag mal, habe ich das richtig verstanden? Deine Ex macht sich mit ihrem Lover und den Kindern über Weihnachten ein paar schöne Tage und will uns ihren Vater aufdrücken??? Ich habe keine Lust auf diesen Patchwork-Opa, der jetzt irgendwie übrig ist. Er ist ein fremder Mann für mich, auch wenn er dein Schwiegervater oder besser Ex-Schwiegervater ist! Weißt du was, du kannst Weihnachten mit ihm allein verbringen, ich werde nämlich auch verreisen!”
Chris hatte sich auch ein Glas Prosecco eingeschenkt, hielt es aber die ganze Zeit nur in der Hand, ohne zu trinken. Nachdenklich sah er sie an.
“Du, die Reise ist noch gar nicht gebucht, wenn sie nichts Passendes finden, dann müssen wir sowieso noch mal ganz neu entscheiden…”
Sie fiel ihm einfach ins Wort: “Du, Chris, ich bin raus aus eurer gesamten Weihnachtsnummer - macht, was ihr wollt! Entscheidet, verwerft es, entscheidet neu - ich kann und will nichts mehr damit zu tun haben - bei aller Liebe zu dir und deinen Kindern, es macht mich fertig!”
Sie drehte sich um und verschwand schnell in ihr Arbeitszimmer, so dass sie nicht mehr mitbekam wie Chris verzweifelt flüsterte: “Ja, es macht mich auch total fertig, bei aller Liebe…”
Liebe Donna
Das hast du sehr schön erzählt. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Könnte mir vorstellen, dass so einige Leser und Leserinnen zustimmend mit dem Kopf nicken.
Wünsch dir einen schönen Tag
Liebe Grüsse
Brigitte
Das klingt sehr wahr und nach harter Realität. Bestimmt geht es bei vielen so. Hm, ob es da vernünftige Lösungen gäbe? Es gibt wohl doch zu viele Erwartungen an diesem Fest der Feste.
Wäre es nicht ideal, wenn sich bei zerrissenen Familien mal an Weihnachten alle an einen großen Tisch setzen und gemeinsam feiern? Sicher ist es nicht einfach, dann mal ausnahmsweise die Streitigkeiten und Eifersüchteleien der Vergangenheit ruhen zu lassen (wegzusperren für paar Tage). Aber den Kindern täte es gut.
Schöne Geschichte Donna, wenn auch ohne Auflösung.
Regt zum Nachdenken an.
Deine Geschichte kommt sehr realitätsnah daher - Familienstress pur - und sie zeigt glaubhaft auf, dass es nicht für alle Probleme eine Patentlösung gibt… Jedenfalls regt sie sehr zum Nachdenken an.
Liebe Grüsse ins Wochenende,
Quer
Ich habe da zwar so keinen Einblick ins heutige Familienleben, könnte mir aber vorstellen, das es wirklich so stattfindet.
Gut und sehr spannend geschrieben, wobei ich froh bin nicht in so ein Familiengewusel verstrickt zu sein.
Liebe Grüße, Petra
Liebe Donna,
du kannst wirklich sehr lebhaft erzählen! Außerdem lässt du den Ausgang einer Geschichte gern offen! Damit der Leser was zum Grübeln hat - stimmts?
Eine sehr ‘moderne’ und eine sehr traurige Geschichte. Leid tun mir ( fast immer nur ) die Kinder.
Wir in unserer Familie verstehen uns zum Glück sehr gut - ABER alle leben über die Welt verstreut. Unsere drei Kinder leben mit ihren Familien in den drei Städten, die links oben auf meinem Blog stehen.
Zur Zeit wölbt sich hier in Edmonton ein stahlblauer Himmel über glitzernden Schneefeldern. Ein phantastischer Anblick hier vom warmen Küchentisch aus, wenn man nicht hinaus muss! Denn draußen hat es im Moment -32°C.
Ganz liebe Grüße
an die große Erzählerin
an die große Organisatorin
an die große Bäckerin
???
(dein Mann wüsste sicher noch mehr ;-))
von Jorge D.R.
oh nein, die armen, unsichtbar gefesselten leute:-(
das ist gut nachempfindbar erzählt.
wobei es mir zu viel war, die gesamten kombinationsmöglichkeiten zu lesen- habe auch so verstanden!
sitzen- lesen-lange briefe schreiben- mit lieben leuten erzählen, spielen, lachen, vielleicht durch einen winterwald spazieren- DAS ist es.
alle guten wünsche zu dir!
Sonia
Deine Geschichte zeigt mir einmal mehr, dass es gut ist, so wie ich es für mich gelöst habe - Weihnachten fällt aus. Ich bin raus aus der Nummer - kein gegenseitiges, halbherziges Besuchen - keine Geschenke - keine HallelujaStauden. Einfach ein paar ruhige, stille, kräftemobilisierende Tage verbringen. Und nun habe ich auch noch einen Mann an meiner Seite, der das genauso sieht - und ich habe mich schon lange nicht mehr so auf die Weihnachtstage gefreut - weil sie halt dieses Jahr ganz anders und noch viel schöner werden!
Liebe Grüße Sysse
bigi
@bigi
Hallo Sysse!
Ja, Bigi, das freut mich so besonders arg, dass es dir so gut geht mit deinem neuen Mann in deinem Leben!
Habt wunderplüschige (Weihnachts)Tage!
Liebe Grüße - Donna
@all
Vielen Dank für eure Kommentare.
Ja, ich bin auch dafür, dass man sich an einen Weihnachtstisch setzt. Leider ist das nicht immer möglich. das müssen ALLE wollen.
Einen besonders schönen 3. Advent wünsche ich euch.
LG - Donna
ich komme erst heute zum geschichtenlesen. deine geschichte gefällt mir besonders gut.
alles liebe
ingrid
Hallo Donna,
ohja….hab ein bisschen mit dem Kopf nicken müssen - es ist wirklich nicht so einfach.
Und ganz ehrlich: Weihnachten mit seiner EX??? Neee das muss ich nun wirklich nicht haben ;-))
Ist wirklich toll geschrieben!
Einen schönen Wochenstart wünsche ich Dir, liebe Grüße
Katinka
Ja, ja, Weihnachten ist das Fest der Liebe. Oder so ähnlich …
Das Patchworkfamilien-Problem stellt sich wohl Weihnachten sehr speziell dar. Anschaulich beschrieben, liebe Donna.
Ich verbringe Weihnachten so wie schon seit vielen Jahren: mit den Katzen auf dem Sofa sitzen und einen schönen Kitschfilm nach dem anderen anschauen. Kein Stress, keine Hektik, keine Verpflichtungen. Und Heilig Abend koche ich mir das Essen, was meine Mutter früher immer machte: Weißwürste in Polnischer Soße – das ist eine Lebkuchensoße, die total lecker schmeckt.
Herzliche Grüße vom Ammersee - Renate