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Paare: Lautlos

30. April 2010 von Donna

Ihr Blick fiel auf den Kalender, der aufgeschlagen vor ihr auf dem Schreibtisch lag. Unter dem Datum des nächsten Tages war ein dickes rotes Kreuz…

Morgen würde sie sich mit dem Makler treffen und den Mietvertrag unterschreiben.

Sie sah sich erneut ihre Aufstellung über ihre Finanzen an, die sie feinsäuberlich auf einem karierten Blatt Papier angefertigt hatte. Jeden Posten ging sie noch einmal durch. Zufrieden lächelte sie - ja, sie konnte sie sich leisten, ihre erste eigene Wohnung.

Sie würde nichts von zu Hause mitnehmen, alles sollte neu sein, unbenutzt, unverbraucht, nichts sollte sie erinnern. Seit Tagen beschäftigte sie sich gedanklich mit der Einrichtung. Hell wollte sie alles gestalten, freundlich und gemütlich, rundherum wohlfühlen wollte sie sich in den eineinhalb Zimmern mit der kleinen Kochecke, die in einem Schrank verschwinden konnte.

Sie nahm sich vor, sobald sie morgen die Schlüssel hatte, die ersten Einkäufe zu erledigen. Auf einen Extra-Zettel notierte sie: Wasserkocher, Tee, Kandis, Löffel, Teebecher, Spüli, Geschirrhandtücher. Wie lebendig sie sich fühlte, wenn sie daran dachte, ihre Wohnung mit einer nachmittäglichen Teestunde allein einzuweihen. Beherzt ergänzte sie die Liste um vier Buchstaben und ein Satzzeichen - Sekt!

Sorgfältig schob sie ihre Papiere zusammen, legte sie in eine verschließbare Kassette, die sie im Regal hinter den Büchern versteckte.

Mit viel mehr Schwung als sonst begab sie sich ins Wohnzimmer, wo ihr Mann im Fernsehen die Nachrichten verfolgte.

Nein, niemals würde sie ihn im Stich lassen.

Nach einem schweren Schlaganfall war er seit Jahren am Rollstuhl gefesselt. Seine Betreuung war mittlerweile so aufwändig, dass sie es ohne Pflegepersonal gar nicht mehr schaffen konnte. - Aber Freiräume brauchte sie, raus können aus dem Alltag und der Routine, der Enge und aus ihrer Hilflosigkeit. Sie wollte Kraft schöpfen können für wenige Stunden, um dann heimzukehren, sich neben ihn zu setzen, ihm etwas zu erzählen, vorzulesen, einen Film zu schauen, dabei seine Hand halten und ihm die Tränen trocknen, die ihm in letzter Zeit manchmal lautlos über seine eingefallenen Wangen liefen.

Geschrieben in Paare, Storys | 5 Kommentare

5 Reaktionen zu “Paare: Lautlos”

  1. am 30 Apr 2010 um 19:391Donna

    Donna

    3 Reaktionen zu “Paare: Lautlos”

    1.
    Bearbeiten am 30 Apr 2010 um 08:361Sofasophia

    berührend …
    und wunderbar erzählt. wie du die spannung aufbaust!
    liebgrüß, d.
    2.
    Bearbeiten am 30 Apr 2010 um 10:592Schneeflocke

    wie traurig…………………
    3.
    Bearbeiten am 30 Apr 2010 um 14:393Follygirl

    (Leider konnte ich über den ersten Satz nicht hinaus.. Erst mit dem Fuchs gings dann…)

    Deine Geschichte macht mich nachdenklich. Ja, ich weiß wie schwer eine Pflege sein kann und ja, es wäre sehr gut sich Freiräume zu schaffen, wenn das geht.

    Nur denke ich jetzt an die vielen Menschen, die es sich nicht leisten können für die Pflege noch Personal zu haben und von einem eigenen Rückzugsort können die leider nur träumen…. während der Alltag sie kaputt macht.

    Wünsche Dir ein gutes Wochenenede, liebe Grüße, Petra

  2. am 30 Apr 2010 um 23:032ahora

    habe ich das jetzt richtig gelesen?
    Sie will sich eine Zweitwohnung anschaffen??? und hin und wieder nachhause kommen, um ihrem Mann die Tränen zu trocknen?

    Liebe Grüße
    Barbara

  3. am 01 Mai 2010 um 03:313Anita

    Nein liebe Barbara, sie will hin und wieder in ihre Zweitwohnung, um Kraft zu tanken. Ich weiß aus der eigenen Familie, was es heisst, einen Menschen Tag und Nacht zu betreuen, der von einem Schlaganfall betroffen ist.

    Danke für die Geschichte, liebe Donna, es ist unglaublich, was manche Menschen leisten, in ihrem Leben. Sie haben es verdient, eigene Krafträume zu haben.

    Liebe Grüsse
    Anita

  4. am 01 Mai 2010 um 05:254Donna

    Ja, Anita, du hast es richtig verstanden. Diese Frau würde ihren Mann nie im Stich lassen, aber sie schafft sich einen Kraftraum, um nicht vollkommen leerzulaufen.

    Danke für eure Komentare und liebe Wochenendgrüße zu euch!

    Donna

  5. am 06 Mai 2010 um 12:565Donkys Freund

    Hochinteressanter Plot. Einfühlsam geschrieben. Guter und überraschender Spannungsaufbau. Auch der Freiraum-Gedanke ist nachvollziehbar.

    So ganz bekomme ich jedoch nicht die Kurve über die Konsequenz, die sie zieht. Vielleicht fehlen noch ein, zwei Sätze, wie diese Entscheidung gereift ist oder ein Anlass/Anstoß/Ereignis. Ist aber nur eine Anregung.

    Liebe Grüße
    Donkys Freund

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Übersetzung von Fabian Künzel
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